Neid und Habgier. Eine Übung


Heute war ich das erste Mal in einer Schreibgruppe, genauer gesagt in einer Frauenschreibgruppe. Schon auf dem Weg dorthin spürte ich Vorfreude und Neugier auf die mir noch unbekannten Menschen, die Schreibaufgaben und wie es mir mit all dem ergehen wird.


Nach einem leckeren Imbiss, denn jede der Teilnehmerinnen hatte etwas zum Essen mitgebracht, und einem lebhaften Bekanntmachen gab es zunächst zwei kleine Schreibübungen zum „warm machen“. Dann gingen wir über zur eigentlichen Aufgabe des Tages. Das überraschende Thema: „Die sieben Todsünden“.


Sofort fühlte ich mich angesprochen. Denn gerade in dieser Woche hatte ich genau hierüber nachgedacht und war dabei über die Frage gestolpert, ob die „Habgier“ eigentlich auch zu den sogenannten Todsünden gehört. Also, nach der Christlichen Lehre zu den schwersten Vergehen, die ein Mensch auf dieser Erde begehen kann. Oder ob ich diesen Zusammenhang auf Grund eines amerikanischen Spielfilms erinnerte, der vor ein paar Jahren provokativ die Habgier als die  8.Todsünde neu kreiert  hatte. Bei dem Vorsatz, dies in den nächsten Tagen herauszubekommen, war es geblieben. Und nun hatte mir der Zufall diese Frage erneut beschert, und ich hoffte, daß sie mir im Laufe dieses Nachmittags beantwortet werden würde.


Kleine gefaltete Zettel in einer großen Schale, wir waren sieben Frauen. Ich zog den Neid. Was für eine wundervolle Vorlage hierüber einen Text zu schreiben, in einem Zeitraum von 45 Minuten.


Ich las das Wort wieder … und noch einmal: „Neid“. Ein häßliches Wort. Niemand will damit gerne in Zusammenhang gebracht werden, auch vor sich selber nicht. Obwohl auch der Neid ein sehr menschliches Gefühl ist. Eines von Vielen aus dem bunten Fundus unserer Gefühlswelten. 


Neid fühlt sich, wenn man das Hinfühlen zuläßt, sehr unangenehm an. Schneidend, düster, eng, aber vor allem peinlich. Ein fieser Schmerz, ein bißchen ähnlich der Eifersucht. Allerdings gibt es bei der Eifersucht zwei unterschiedliche Maßstäbe der Beurteilung.


Ich denke jeder wird mir zustimmen, daß es einen Unterschied bei der Bewertung des Gefühls Eifersucht macht, ob diese berechtigt, also durch einen realen Anlass hervorgerufen wird, oder unberechtigt, weil frei erfunden ist. Im letzteren Fall wird man denken, daß es sich hier um ein unzuläßiges, übertriebenes, ja womöglich krankhaftes Gefühl handelt. Etwas, das man in der Vergangenheit auch gerne als „Übel“ bezeichnet hat.


Und wie steht es um den Neid? Gibt es auch hier womöglich die Unterscheidung zwischen berechtigt und unberechtigt?


Vor mehr als 10 Jahren, in den Anfängen des Umbaus unserer deutschen Wirtschafts.- und Sozialsysteme, als es los ging mit den globalen Märkten, dem internationalem Börsenhandel und anderen Heuschreckenplagen, mit den bis ins Utopische steigenden Gehältern von sogenannten Managern, oder auch Spitzensportlern wurde in den politischen TV - Diskussionsrunden und den Leitmedien unseres Landes ein neues Wort kreiert. Es lautete: „Neid-Debatte“. 


Und von da an wurde dieser Begriff einige Jahre lang sintflutartig in alle öffentlichen Diskussionen geworfen, mit dem Ziel, von vorne herein jede Frage nach Angemessenheit oder gar Gerechtigkeit in einer Gesellschaft schon im Keim zu ersticken. Und zwar durch Ablenkung mittels Schuldzuweisung gegen jeden Kritiker solcher Entwicklungen. Die Frage nach etwas Notwendigem und Gutem, wie nach Gerechtigkeit wurde mit dieser neuen, coolen Worthülse „Neid – Debatte“ besudelt und verkehrt, und so zu einer Peinlichkeit und zu einem Unrecht umgedeutet. Mit Erfolg, denn Menschen lassen sich in der Regel sehr leicht verwirren und irre führen, vor allem wenn solche skrupellosen Machenschaften vor laufenden Kameras im öffentlich - rechtlichen Fernsehen zelebriert werden.


Nachtrag vom 23.April 2020


Diese Übung fand an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Juli 2017 statt. Ich habe an dieser Gruppe nur noch wenige Male teilgenommen. Aber es hat mir großen Spaß gemacht, war es doch ein Anlaß, geradezu ein Geschenk, etwas in Worte zu fassen, was ich schon länger beobachtete und was mich auch heute noch ungeheuer schmerzt. Die Manipulation von etwas, durch etwas, das mir heilig ist, die Sprache. Denn sie ist kein toter Gegenstand den man skrupellos verbiegen und mißbrauchen kann, ohne daß wir als Menschheit  Schaden nehmen. 


Dass dies in den darauf folgenden Jahren, aus reiner Habgier und primitivem, ungezügeltem Neid massiv weiterentwickelt und mittlerweile bis zum Exzess betrieben wird, konnte man damals nur ahnen. Das Ergebnis sehen wir heute. 


Wir ertrinken in einem Meer von Lügen.